LRS & Schulnoten: Raus aus dem Notenstress ohne Notenkrieg

Wie du dein Kind mit LRS stärkst, ohne jede Schularbeitennote zu verhandeln

Wieder hat dein Kind bei der Schularbeit eine schlechte Note bekommen. Obwohl es sich angestrengt hat. Obwohl ihr jeden Tag gemeinsam geübt habt. Und obwohl du selbst unglaublich viel Energie in die Vorbereitung gesteckt hast. Am Ende steht trotzdem wieder nur eine Vier am Blatt.

Und plötzlich dreht sich alles um diese eine Zahl: Die Stimmung kippt, die Enttäuschung ist groß, und im Kopf laufen die immer gleichen Fragen. Was bedeutet das für die Zukunft? Für die weiteren Schuljahre? Für die Chancen meines Kindes? Und ganz leise auch: Habe ich als Elternteil genug getan – oder hätten wir noch mehr üben müssen?

Ich verstehe das gut. Noten fühlen sich oft nicht wie Rückmeldung an, sondern wie ein Urteil.

Wenn dein Kind eine LRS hat, ist so eine Note besonders bitter. Denn du siehst ja: Es bemüht sich, es kämpft, und trotzdem schaut das Ergebnis auf dem Papier oft so aus, als hätte es „zu wenig“ gemacht. Im ungünstigsten Fall steht unter der Note dann auch noch ein Satz wie: „Du musst mehr üben.“ Als würde es nur am Fleiß liegen.

Mir geht es in diesem Artikel nicht darum, dir zu erklären, dass Noten eh unwichtig sind. Und ich werde dir auch nicht sagen, du sollst als Elternteil einfach gelassener reagieren. Ich will dir zeigen, wie du dein Kind stärkst, ohne dass jede Schularbeit zur Familienkrise wird.

Wie aussagekräftig sind Schulnoten wirklich?

An dieser Stelle erzähle ich in meinen Vorträgen gerne von einer Erfahrung aus meinen ersten Berufsjahren. Damals habe ich Kinder aus sozial benachteiligten Familien als Lernbegleiterin unterstützt – ein- bis zweimal pro Woche, bei Hausaufgaben und beim Lernen für die Schule.

Ich erinnere mich besonders an ein Schuljahr mit zwei Kindern aus der 2. Klasse Volksschule: ein Mädchen und ein Junge. Beide hatten im Rechnen mit den Malreihen zu kämpfen – allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Das Mädchen war äußerst gewissenhaft, freundlich und bemüht, machte alle Hausübungen ordentlich und „brav“ – inklusive liebevoller kleiner Zeichnungen am Seitenrand. Trotz Üben blieben ihr die Malreihen (und einiges andere aus dem Rechenunterricht) aber ein Rätsel. Fachlich waren ihre Leistungen im Rechnen, wenn ich ehrlich bin, eher schwach.

Der Junge war das Gegenteil: laut, vorlaut, manchmal anstrengend – und seine Hausaufgaben sahen entsprechend aus. Viel Geschmiere, wenig Ordnung, wenig „schön“. Aber: Er war ein richtig guter Rechner. Das Einmaleins saß bombenfest, und auch sonst hatte er ein starkes Zahlengefühl.

Am Ende des Schuljahres bekam das Mädchen ein Gut, der Junge ein Genügend in Rechnen. Dieser Unterschied ließ sich durch die Rechenleistung allein nicht erklären.

Diese Beobachtung ist nicht nur eine private Anekdote, sondern passt ziemlich gut zu dem, was die Forschung seit Jahren zeigt: Schulnoten sind keine rein objektive Messung von Können. Sie spiegeln oft auch Dinge mit, die neben der fachlichen Leistung laufen – zum Beispiel Arbeitsverhalten, Auftreten, Erwartungen und (ja) auch unbewusste Verzerrungen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Zanga & De Gioannis (2023) kommt zum Schluss, dass Noten im Durchschnitt nicht nur von der Leistung abhängen, sondern auch von Merkmalen, die Lehrkräfte (bewusst oder unbewusst) mitbewerten.

Was ich mit dieser Geschichte sagen will: Noten sind alles – aber sie sind selten neutral. Und sie sind auch nicht überall gleich. Ich kenne Volksschullehrerinnen, die offen sagen, dass sie keine schlechtere Note als eine Zwei vergeben – aus Sorge, Kindern die Lernfreude zu nehmen, und ganz pragmatisch: um endlose Notendiskussionen zu vermeiden. Nett gemeint? Oft ja. Objektiv und gerecht? Eher nein.

LRS-Diagnose: Was sie leisten kann – und was nicht

Kinder mit LRS können ihr Können unter Schularbeitsbedingungen deutlich schlechter zeigen als im Übungssetting. Unter Zeitdruck und Stress brechen Dinge ein, die zu Hause schon besser gelingen: sinnerfassendes Lesen, das Abrufen von Rechtschreibmustern, flüssiges Formulieren – und damit auch das Verfassen eigener Texte. Das ist nicht Faulheit, sondern ein ziemlich typisches Muster: In Prüfungssituationen tauchen Fehler oft wieder auf, die in entspannteren Übungssituationen schon weniger geworden sind.

Genau dafür ist eine Diagnostik hilfreich: Sie macht sichtbar, welche Barrieren dein Kind in der Schule hat – und sie ist die Grundlage, um passende Hilfestellungen verbindlich zu vereinbaren. Das aktuelle BMBWF-Rundschreiben Nr. 24/2021 beschreibt genau diesen Ansatz: Unterstützungen sollen sich an der individuellen Situation orientieren, dokumentiert und regelmäßig evaluiert werden – und Hilfen, die im Schulalltag verwendet werden, sollen auch bei Prüfungen angewendet werden.

Wichtig ist aber die Grenze: Eine Diagnose ist keine Berechtigung für bessere Noten, sondern ein Werkzeug für faire Rahmenbedingungen. Die Bildungs- und Lehraufgabe muss grundsätzlich erreicht werden; bewertet wird nicht nur die Rechtschreibung, sondern je nach Aufgabenstellung auch Inhalt, Ausdruck und Sprachrichtigkeit. Schularbeiten dürfen daher nicht ausschließlich nach Anzahl und Art der Rechtschreibfehler beurteilt werden – aber umgekehrt gilt auch: Wenn zentrale Textsortenkriterien fehlen (z. B. Struktur, passende Merkmale, ausreichender Umfang), kann die Note trotzdem schlecht ausfallen.

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Was macht das ständige Herumreiten auf Noten mit Kindern?

Ich halte es für riskant zu unterschätzen, was ständiges Reden über Schulnoten bei Kindern auslöst – selbst dann, wenn du dein Kind dabei nicht beschimpfst oder direkt abwertest. Denn Kinder hören nicht nur deine beruhigenden Sätze („Es ist nur eine Note“), sie beobachten vor allem dein Verhalten: das Grübeln, das wiederholte Aufregen, das dauernde Thematisieren von Ungerechtigkeit, die Diskussionen mit der Lehrkraft.

Und daraus ziehen viele Kinder einen ziemlich logischen Schluss: Noten sind offenbar sehr wichtig – so wichtig, dass mein Genügend für Mama nicht genügt.
Was dann im Kind ankommt, ist schnell nicht mehr „Die Note war unfair“, sondern: „Ich bin nicht gut genug.“

Aus psychologischer Sicht ist das gut erklärbar: Wenn Anerkennung (auch nur gefühlt) an Leistung gekoppelt ist, steigt das Risiko für leistungsabhängigen Selbstwert („Ich bin nur okay, wenn ich gute Noten habe").

Und noch ein Punkt, der für Schule besonders relevant ist: Rückmeldungen in Form von Noten wirken motivational oft schlechter als kommentierendes Feedback, das konkret sagt, was gelungen ist und was als nächstes hilft.

Ausweg: Von der Notendiskussion zur lösungsorientierten Zusammenarbeit

Das Ziel sollte nicht sein, nach der Schularbeit um Noten zu verhandeln. Sinnvoller (und für alle nervenschonender) ist es, vor der Schularbeit Bedingungen zu schaffen, unter denen dein Kind seine Leistung überhaupt zeigen kann. Dann wird aus „Wir diskutieren über eine Zahl“ Schritt für Schritt „Wir verbessern die Ausgangslage“.

1) Anforderungen klären

Du kannst nur dann gezielt vorbereiten, wenn klar ist, was genau erwartet wird. Nimm deshalb rechtzeitig Kontakt mit der Lehrkraft auf und kläre konkret:

  • Welche Text-/Aufgabenart kommt (z. B. Personenbeschreibung, Nacherzählung, Sachtext …)?
  • Gibt es einen Mindestumfang (Wortanzahl, Absätze)?
  • Welche Kriterien sind besonders wichtig (Struktur, Inhalt, Wortschatz, Satzbau, Rechtschreibung)?
  • Gibt es ein Beispiel oder eine Checkliste, an der sich dein Kind orientieren kann?

Je konkreter diese Informationen sind, desto weniger muss dein Kind ins Blaue üben – und desto eher kannst du mit ihm sinnvoll üben.

2) Barrieren identifizieren

Die entscheidende Frage lautet: Woran scheitert es in der Schularbeitssituation – obwohl es zu Hause besser klappt?
Typische Barrieren sind zum Beispiel:

  • Rechtschreibung bindet so viel Aufmerksamkeit, dass Inhalt und Ausdruck leiden.
  • Unter Zeitdruck bricht das Abrufen von Rechtschreibregeln ein.
  • Konzentration hält nicht bis zum Schluss (gerade bei ADHS).
  • Lesebelastung: Aufgaben werden missverstanden oder zu langsam erfasst.

Wenn du weißt, wo die Bremse sitzt, kannst du aufhören, „mehr üben“ als Universalrezept zu verwenden – und stattdessen gezielt entlasten.

3) Konkrete Maßnahmen vereinbaren (und schriftlich festhalten)

Auf Basis der Barrieren lassen sich konkrete, alltagstaugliche Maßnahmen vereinbaren – und idealerweise schriftlich festhalten, damit es nicht bei jeder Schularbeit neu diskutiert werden muss. Je nach Kind können das z. B. sein:

  • angepasste Arbeitsblätter/Schriftbild/Formatierung
  • Zeitzugabe (wenn sie dem Kind tatsächlich hilft)
  • alternative Output-Form (z. B. am Computer schreiben, Text der Lehrkraft diktieren,)
  • Strukturhilfen (Plan, Checkliste, Satzanfänge, Wortschatzliste)

Welche Unterstützungsmöglichkeiten es in Österreich gibt und wie das mit Nachteilsausgleich und Notenschutz zusammenhängt, habe ich hier ausführlich erklärt:
https://www.lern-art.at/nachteilsausgleich-und-notenschutz-in-oesterreich/

Zum Schluss: Lass die Note nicht das Familienklima regieren

Das Wichtigste zum Mitnehmen: Noten sind kein sauberes Messinstrument – und sie sind erst recht kein Urteil über dein Kind oder darüber, ob du genug getan hast. Eine Note darf Informationen liefern. Aber sie sollte nicht bestimmen, wie sich euer Zuhause anfühlt.

Lenk den Fokus dorthin, wo er deinem Kind wirklich hilft: auf Kompetenzaufbau statt Zahlenkampf, auf realistische Bedingungen statt Dauerdruck – und auf eure Beziehung. Die ist am Ende das stabile Fundament, auf dem Lernen überhaupt erst möglich wird.

Quellen

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. (2021). Richtlinien für den Umgang mit Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten (LRS) im schulischen Kontext (Rundschreiben Nr. 24/2021) https://rundschreiben.bmbwf.gv.at/media/2021_24.pdf

Lehti, H., & Laaninen, M. (2024). The gender achievement gap in grades and standardised tests—what accounts for gender inequality?. Frontiers in Sociology, 9, 1448488.

Zanga, G., & De Gioannis, E. (2023). Discrimination in grading: A scoping review of studies on teachers’ discrimination in school. Studies in Educational Evaluation, 78, 101284.

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