

Gastbeitrag von Ulrike Tulka, Lehrkraft in Deutschland
Ulrike Tulka ist Lehrkraft in Deutschland, Mutter einer neurodivergenten Tochter, selbst mit Autismus und ADHS diagnostiziert und war 30 Jahre im Schuldienst tätig. Sie hat eine Ausbildung als Lerntherapeutin in Österreich absolviert und möchte (auch als Mutter) ein paar Worte zum Thema Benotung in der Schule loswerden.
Hinweis:
Dieser Gastbeitrag schildert Erfahrungen und rechtliche Rahmenbedingungen aus Deutschland. Aussagen zu Nachteilsausgleich, Benotung und schulischen Abläufen gelten daher nicht automatisch für Österreich und sind nicht 1:1 übertragbar.
Auch wenn inzwischen Schulen im Grunde alle Gemeinsamen Unterricht von „Regel-Kindern“ und solchen mit Förderbedarf haben, ist dennoch bisher keine für alle Betroffenen, und damit meine ich Kinder, Eltern und Lehrer, zufriedenstellende und brauchbare Form gefunden, wie dieser Unterricht gestaltet wird- und wird es in nächster Zeit auch nicht. Nicht nur, dass der „gemeinsame Unterricht“ nur an der Oberfläche gemeinsam erscheint, denn Fakt ist, die Kinder lernen zwar in einem Raum, viele Kinder mit Förderbedarf entbehren dabei jeglicher Förderung und bekommen täglich ihre Schwächen vor Augen geführt, wenn die „anderen“ Dinge tun, die sie nicht können.
Hinzu kommt, man verzeihe mir meine Direktheit, dass in allen gesellschaftlichen Bereichen immer mehr differenziert wird und Berufsbilder in speziellen Fachrichtungen aufgesplittet werden- es gibt den Facharzt für Augenheilkunde, von dem erwartet keiner, dass er einen Zahn zieht oder eine Blinddarmoperation durchführt- wir vertrauen aber unsere Kinder Pädagogen an, die in keiner Weise ausgebildet sind für das was sie tun (sollen).
Die Schulen hingegen setzen inzwischen aufgrund des Personalmangels, denn wer kann und will sich dem Wahnsinn denn noch stellen, Gymnasiallehrer an Grundschulen ein, die aufgrund ihrer Eloquenz dort vollkommen falsch sind. Der Hausmeister könnte den Kindern die Aufgabe wahrscheinlich besser erklären. Passgenaue Ausbildung wird scheinbar überbewertet. Zeitgleich erwarten wir von der im Regelschulsystem ausgebildeten Lehrkraft, dass sie einerseits nach Lehrplan, andererseits bedürfnisorientiert jedes einzelne Kind unterrichtet. Die Normklasse könnte durchaus so aussehen: 28 Kinder, 14 mit Sprachdefiziten (Deutsch als Zweitsprache), wobei vier davon noch nicht einmal mit Zweiwortsätzen antworten können oder eine einfache Anweisung verstehen, 1 Kind diagnostiziert als Hochbegabt, 2 Kinder diagnostiziert mit ADHS, bei zwei weiteren wird ADHS vermutet, bei dreien steht Legasthenie im Raum, bei zweien Dyskalkulie, 1 Kind hat Down- Syndrom und eines ein Fetales Alkoholsyndrom. Beim Rest kommen im Laufe der Zeit noch Diagnosen hinzu, wie bei einem Mädchen, dessen Autismus erst 4 Jahre später erkannt wird. So sieht eine „normale“ Grundschulklasse einer gewöhnlichen Kleinstadt aus.
Jetzt erwarten wir, dass im Unterricht alles im Gleichschritt läuft und die Lehrkraft jedes Kind mit seinen besonderen Stärken und Schwächen im Blick hat. Ziel ist: wir lernen miteinander, helfen einander und haben uns alle lieb. So weit so gut.
Einerseits wünschen alle Eltern gemeinsamen Unterricht mit Kindern im "Normbereich", was auch immer das sein mag, andererseits leiden sie verständlicherweise darunter, dass die Kinder besondere Bedürfnisse haben, die in den seltensten Fällen nach den elterlichen Vorstellungen erfüllt werden. Es muss allen einleuchten, dass mit der Lösung „Wir werfen alle in einen Topf“ niemand zufrieden ist. Dennoch möchte ich mit meinem Beitrag eine Lanze brechen für verständnisvolles Miteinander, auch für die Lehrkräfte, die zwischen allen Stühlen sitzen, und Vorwürfe nützen nichts: Als Lehrer wissen wir, dass wir in diesem System niemand mehr gerecht werden können, und ein Leben nicht ausreicht das zu lernen, was wir bräuchten.
Um nochmal zu betonen: Normkinder gibt es nicht. Wo vor Jahrzehnten noch soziale Unterschiede in der Gesellschaft kritisiert wurden, und damit soziale Ungleichheiten im Bildungssystem, kommen heute Lernstörungen, Migration, Trauma, Mentale Erkrankungen, Sprachdefizite in enormem Ausmaß hinzu. Es gibt schon lange keine homogenen Klassen mehr. Und dabei leiden ALLE Kinder unter Notendruck, unter Bewertungen mit Ziffern- diejenigen, die sich anstrengen und dennoch keine gute Benotung haben besonders. Darunter fallen alle Kinder mit Diagnosen ebenso wie diejenigen, die aus sozialen Gründen die Leistung nicht erbringen können oder aufgrund sprachlicher Schwächen durch Migration etc. nicht die geforderten Leistungen abliefern.
Jedes Kind leidet unter einer Beurteilung, die es nicht selten auf sich als Person bezieht (und sich somit die Eltern genauso abgewertet fühlen. Ich kenne das. Wer sagt nicht lieber von seinem Kind stolz zu anderen: „schau mein Kind läuft schon mit 8 Monaten, spielt Geige mit 3 ... oder so“) und nicht auf die nicht erbrachte Leistung.
Ginge es nach mir, würde ich Benotungen grundsätzlich abschaffen. Sie sind nie fair und waren noch nie fair. Als ich vor dreißig Jahren studiert habe, kritisierte man schon die Benotung, stellte die Leistungsbeurteilungen und deren Auswirkungen in Frage, aber bis sich im Schulsystem etwas ändert, vergehen viele Jahrzehnte. Meist wird nur Flickwerk appliziert, aber das bleibt dann eben Flickwerk, wo ein komplett neu gedachtes System notwendig wäre, ein Umsturz im Bildungswesen. Zweifellos haben Noten administrative und selektive Funktionen. Niemand will, dass sein Kind selektiert wird, doch die Gesellschaft fordert es. An Benotungen profitieren nur die besten- der Rest... .
Ich habe lange an einer Schule gearbeitet, die in den ersten Jahren auf Bewertung verzichtet hat. Man hat Lernstandberichte geschrieben. Für die Kinder war das entspannt, für die Lehrer weniger, die Stunden damit zubringen mussten, die Fähigkeiten des Kindes möglichst passgenau zu beschreiben. Dass regelmäßig für Lehrkräfte dadurch die Weihnachtsferien hinüber waren, hatte ich gerne in Kauf genommen. Wer am wenigsten damit zufrieden war, waren die Eltern, die bei jedem Gespräch forderten, die Berichte in Ziffern zu fassen. „Was wäre diese Bemerkung als Note?“ war die meistgestellte Frage. Sie wollten das Kind einordnen, wissen, ist es im Durchschnitt, besser oder schlechter.
Anstatt zu sagen, das Kind könnte sich in diesem oder jenem Bereich entwickeln, war einziges Augenmerk: Wer ist noch besser, wer ist schlechter, wo steht mein Kind im Vergleich- und genau das sollte man als Eltern ablegen. Eltern, macht euren Kindern klar, ihr liebt sie, egal welche Note sie nach Hause bringen. Sie entwickeln sich nicht linear. Sie machen Sprünge, und zwar nicht gleichzeitig, sondern vollkommen individuell. Das ist auch gut so. Eine Note bildet nur einen winzigen Teilaspekt der Fähigkeiten ab.
Als Tipp: Lasst die Kinder doch benoten, wie ihr kocht. Oder was auch immer. Sie werden merken, Benotung ist zweitrangig, denn jedem gelingt täglich mal was gut oder schlecht. Dem einen ist es das verbrannte Schnitzel, oder der Strafzettel, den man kassiert, weil man mal wieder zu doof war die Verkehrsregeln einzuhalten. Oder man hat im Job mal Mist gebaut. Jede Note ist nur eine Momentaufnahme. Man kann jeden Tag neu starten, und versuchen, Dinge besser zu machen. Erklärt ihnen, wo ihr überall Vieren hattet, Fünfen. Ich habe meinen Schülern immer erzählt, ich hatte Sechsen in Mathe und bin trotzdem Lehrerin. Man lernt nur durch Fehler. Fehler sind eine Chance und eine Notwendigkeit zur Weiterentwicklung.
Wem das vorrangig nicht passte, dass ich die Bedeutung von Schulnoten in Frage stelle, waren die Eltern, die dem Vergleich mit anderen einen unsäglich hohen Wert beimaßen. Nach jeder Rückgabe war es ein Kampf mit den Schülern, ihnen klar zu machen: Lest eure Arbeit und schaut was ihr besser machen könnt, es interessiert nicht, was die anderen geschrieben haben. Die Eltern sahen das anders. Ich bekam manchmal Wind davon in Eltern- Whatsapp- Gruppen, es war eine Katastrophe. Mein Kind hat eine zwei, dabei hat er nur drei Fehler,.. wie deiner hat auch eine zwei und meiner hat einen Fehler weniger.. und warum hat die Lehrerin da einen halben Punkt gegeben und meine hat das nicht... dann ging das hin und her, und die Eltern machten ein Heiden- Theater um einen halben Punkt.
Und wenn ich ehrlich sein soll, hab ich bei den Kindern, bei denen die Eltern für jeden Sch.. (sorry) auf der Matte standen in der nächsten Arbeit ganz genau korrigiert. Auch die Fehler- und die Arbeit extra nochmal vom Rektor gegenzeichnen lassen und kopiert, für den Fall, dass Eltern Verbesserungen anbringen, was nicht nur einmal passiert ist. Es ist fies. Aber ich muss einfach sagen- Manchmal nerven solche Eltern einfach. Man ist auch nur ein Mensch.
Später, an einer Sekundarschule, forderten die Kinder mit Förderbedarfen Noten, wenn ich ein "gut" darunterschrieb. Sie fragten penetrant: Was habe ich für eine Note? Es gab Kinder, die saßen weinend vor mir und forderten eine Note in Ziffern, weil die anderen Kinder in der Klasse eine hatten. Also schrieb man um des Friedens willen eine Ziffer drunter. Jetzt kamen die Eltern zur Schule, wollten den Förderbedarf aufheben, denn das Kind hätte eine 2. Es war kaum beizubringen, dass die Note nicht vergleichbar war mit den anderen Noten. Wenn ein Kind zieldifferent bewertet wird, kann ich für jedes Kind einen Leistungsstand definieren, und als Motivation einsetzen, und die Note wie auch immer begründen. Man kann zurecht fragen: Was bringt diese Note?
Für die anderen Kinder gilt: Der Erwartungshorizont wird für die gesamte Jahrgangsstufe parallel und lehrplankonform festgelegt und die Klassenarbeit parallel identisch mit den anderen Klassen der Jahrgangsstufe geschrieben und korrigiert. Wenn am Erwartungshorizont gedreht wird- dann bei allen. Lehrer müssen in Nordrhein-Westfalen beispielweise Klassenarbeiten und Tests bei der Schulleitung vorlegen, und diese vergleicht die Bewertung der Klassen des Jahrgangs. Sind da Differenzen, darf man im Rektorat antanzen, und es gibt Anschiss. Kein Rektor hat Bock auf Anwaltsbriefe, und die kommen- auch schon in der Grundschule. Dass Lehrer frustriert dem Beruf entfliehen, hat Gründe, werden die Kompetenzen ständig von allen Seiten in Frage gestellt.
Jetzt gibt es immer Kinder in den Klassen, die Teilleistungsstörungen haben. Für diese Kinder kann in Deutschland entweder die Rechtschreibnote ausgesetzt werden auf Antrag (dann wird dieser Teilbereich nicht benotet), oder aber es kann auf Antrag (schriftlich beim Rektor) Nachteilsausgleich gewährt werden. Es betrifft jedoch nur die Rechtschreibung, alle anderen Teilbereiche müssen exakt gleich bewertet werden: Satzbau, Grammatik, Inhalt.
Ich zitiere aus dem Netz:
„Ein Nachteilsausgleich ist eine individuelle Unterstützung für Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen, um Chancengleichheit in Bildung und Prüfungen herzustellen, indem die Durchführung angepasst wird, ohne die inhaltlichen Anforderungen zu senken. Er kompensiert Nachteile durch Maßnahmen wie mehr Zeit, mündliche statt schriftliche Prüfungen oder technische Hilfsmittel, (ich ergänze: Kopfhörer, Laptops, Gewichtswesten, sonstiges, was der Konzentration der Schüler hilft… ) damit die gleiche Leistung erbracht werden kann wie bei anderen. Anträge müssen bei der Schulleitung gestellt und nachgewiesen werden, oft durch ärztliche Atteste.
Typische Beispiele für Maßnahmen:
Wichtige Punkte:
Das ist wichtig zu bedenken: Der Nachteilsausgleich wird auf Antrag gewährt, über den entscheidet nicht allein die Lehrkraft. Es darf keine Leistungsreduktion dabei herauskommen. Die Note muss bei zielgleicher Beschulung die vergleichbare Leistung abbilden.
Ich rate grundsätzlich dazu, bei Legasthenie beispielsweise die Rechtschreibnote nicht auszusetzen, wenn die Versetzung dadurch nicht gefährdet ist. Ich erlebe häufig, dass sich Schüler mit guter Förderung hervorragend entwickeln, manchmal besser als Kinder ohne Diagnose.
Es gibt viele Möglichkeiten, einen Nachteilsausgleich zu gewähren, man hat jedoch keinen rechtlichen Anspruch auf bestimmte Maßnahmen, da dieser Nachteilsausgleich nicht definiert ist, sondern immer eine Einzelfallentscheidung bleibt. Wird er aktenkundig festgelegt, MUSS er von der Schule ein Schuljahr lang immer umgesetzt werden und umsetzbar sein.
Um die Schwierigkeit zu verdeutlichen, ein Beispiel: Fordere ich als Eltern ein, dass der Schüler immer mehr Zeit bekommt, muss die Schule das auch gewähren, wenn beispielsweise die Lehrkraft keine Pause zwischen der Stunde des Tests und der nächsten Stunde hat, auf die sie dann verzichtet, damit der Schüler länger schreiben kann. Dann gibt es ein Personalproblem. Denn der Lehrer müsste ja dann in die nächste Klasse. Theoretisch könnten dann Eltern die Arbeit anfechten.
Was tue ich in einem Fall, in dem der Schüler oder die Schülerin die Sonderregelung nicht möchte? Schon haben wir erneut ein Problem. Die Schüler und Schülerinnen geben ihre Arbeit ja zurück, sobald sie ihrer Meinung nach damit fertig sind. Jetzt gehen alle Kinder in die Pause, Fußball spielen, und ein Schüler bleibt zurück, wegen des Nachteilsausgleichs? Wer von Ihnen wäre da freiwillig mit 8 oder 9 Jahren länger über der Schularbeit sitzen geblieben?
Hinzu kommt, dass eine Sonderregelung den Schüler oder die Schülerin vor den anderen in eine Sonderposition rückt, die seiner sozialen Rolle in der Schule nicht immer guttut, deshalb muss man abwägen, ob Nachteilsausgleiche im individuellen Fall mehr schaden als nützen. Für neurodivergente Kinder ist die Gefahr von Mobbing sowieso schon immens erhöht und das Selbstbewusstsein ist im Nirgendwo.
Kommen Eltern zu mir mit einer Bitte, ob es nicht möglich wäre, dass Schüler Albert wegen seiner ADHS länger schreiben dürfte auf kurzem Dienstweg, ohne schriftliche Rechtssicherheit, wäre ich als Lehrkraft nie auf die Idee gekommen, das abzulehnen. Ich hätte die Eltern gebeten stille zu sein, hätte versprochen zu tun was ich kann- um dann natürlich so viel Zeit zu geben wie der Schüler wünscht und man selbst geben kann, aber eben ohne Gewähr.
Ob und wie man das handhabt ist häufig ein Dilemma. Ich habe versucht, Hilfsmittel allen zur Verfügung zu stellen, die das wünschen, habe Kopfhörer angeschafft, Nischen zum Rückzug geschaffen, was auch viel genutzt wurde. Man könnte viele Hilfsmittel zur Verfügung stellen, muss dann anderen Eltern Rede und Antwort stehen, warum der eine bekommt was der andere nicht bekommt und die Vergleichbarkeit der Leistung ist in den Augen der Eltern schnell dahin. Bei jedem Elternsprechtag habe ich beispielsweise 20 Eltern in der Klasse, die darum bitten, ihr Kind möge aus guten Gründen vorne sitzen- ganz nah bei der Lehrkraft. Der eine sieht nicht gut, der nächste hört nicht gut, der dritte ist schnell abgelenkt.
Dass Eltern jede Gelegenheit nutzen, ihr Recht auf Gleich- oder Sonderbehandlung per Anwalt durchzusetzen, ist für Lehrer eine Katastrophe. Häufig sehen Eltern nicht, was sich daraus ergibt, auch wenn die Lehrkraft beispielsweise einem Kind einen eigenen Raum zur Verfügung stellen möchte, die Aufsichtspflicht dem entgegensteht und der Rektor entscheidet, dass das Risiko nicht zu tragen ist- hat die Lehrkraft, auch wenn sie Sonderregelungen durchsetzen möchte, schlechte Karten, und ich saß schon oft buchstäblich in den Nesseln.
Es ist nicht so, dass ich gut finde, wie solche Entscheidungen gehandhabt werden, oder dass aufgrund von Personalproblemen oder Finanzproblemen Dinge Nachteilsausgleiche im Sinne der Kinder nicht durchführbar sind. Ich gebe einfach meine Erfahrung weiter. Auch ich habe als Lehrkraft im Sinne der Kinder um Sonderregelungen gestritten, seien es Pausenregelungen oder andere Hilfsmittel, doch oft habe ich klein beigeben müssen. Ich bekam Dienstanweisung, daran muss ich mich halten. Wenn der Rektor sagt, nein, ist nein.
Die Lehrkraft ist in dem Falle verpflichtet, die Entscheidung der Schule den Eltern so mitzuteilen und ist damit in der Rolle des Übeltäters, der keinen Bock hat dem Kind zu helfen. Erfahrungsmäßig muss ich jedoch sagen- wenn ich Schülern (manchmal verbotenerweise) solche Sonderregelungen zugebilligt habe, wirkten die sich in den seltensten Fällen auf die Note aus, aber ich mache mich als Lehrkraft stets vor Eltern, Kollegen und Schulleitung angreifbar. Wenn in der Klassenkonferenz Kollegen der Meinung sind, das Kind könne durch entsprechende Maßnahmen nicht wirklich eine Verbesserung erzielen, die Eltern mit einem schriftlichen Antrag ihren Forderungen Nachdruck verleihen und Dinge verlangen die sich nicht immer umsetzen lassen- ist das Ganze eben nichtig. Und jede Sonderbehandlung führt dazu, dass andere Eltern die Vergleichbarkeit in Frage stellen.
Der Punkt also "Mein Kind hat Recht auf" ist ganz schnell ausgehebelt. Ich rate dazu, in jedem Fall gemeinsam mit der Schule auf einer Ebene Kompromisse zu suchen und nicht die Konfrontation. Ich habe in dreißig Jahren noch nie erlebt, dass Konfrontation in irgendeiner Weise auf schulischer Ebene zu irgendetwas positivem geführt hätte. Ich bin dankbar, wenn ich als Lehrkraft hilfreiche Tipps bekomme von Therapeuten, doch da brüllen die einen Eltern wegen Datenschutz. Ich bin froh, wenn ich als Lehrkraft Hilfen genannt bekomme, die ich eventuell umsetzen kann und dem Kind damit den Schultag erträglicher mache. Und wenn ich das still und heimlich tue, ohne es an die große Glocke zu hängen, tun es die Eltern in den Whatsapp Gruppen, weil die Lisa Dinge durfte und nun kommt die Mutter von der Erika und will das auch und prompt- werde ich vor die Schulleitung zitiert: Wie konnten Sie...
Eltern, die mit Forderungen kommen, werden grundsätzlich von Schulleitungen abgeschmettert. Es ist kein Unterricht und kein friedliches Miteinander mehr möglich, wo man nur noch Paragraphen sieht. Als Lehrkraft kann ich sagen- ich tue mein Bestes, ich versuche unauffällig einem Kind zu helfen, mehr Zeit zu geben, Kleinigkeiten, sofern sie sich irgendwie umsetzen lassen. Aber ich bin nun mal auch der Struktur unterworfen.
Und wenn ich ehrlich bin: Ich habe auch ein Kind mit Schwierigkeiten (Der Apfel fällt ... ihr wisst schon) . Ich schaue gezielt weg. Ich könnte jeder Lehrkraft kollegiale Ratschläge geben, was sie besser zu machen hat. Einen Teufel würde ich tun. Ich mische mich nicht ein. Ich bin Mutter, meine Rolle ist nicht Anwalt und in dem Moment auch nicht Lehrkraft, und so halten es eigenartigerweise auch alle Kollegen und Kolleginnen mit Kindern.
Wenn meine Tochter Fehler macht ist das ihre Aufgabe diese zu erkennen, nicht meine, und die Förderung muss die Lehrkraft leisten. Ich tue mich raus. Als Mutter kann ich trösten, aber ansonsten geht man bei uns zur Tagesordnung über, ich trenne strikt meine Rollen, und fordere Akzeptanz und Respekt vor der Lehrkraft. Ich fordere jedenfalls eines nicht: Gute Noten. Ich denke mir bei jeder Arbeit, die ich zu sehen bekomme: Es könnte schlimmer kommen. Eine 3 ist eine gute Note. Alles was nicht die Versetzung gefährdet ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und auch wenn eine Ehrenrunde fällig ist- davon geht die Welt nicht unter. Ich kann auch so manches nicht, und mein Kind darf auch manches nicht können.
Ich helfe, aber ich bringe meiner Tochter bei, dass letztlich die Lehrkraft am längeren Hebel sitzt, auch wenn etwas doof ist, später der Chef oder die Kollegin, die weisungsbefugt ist. Damit muss sie klarkommen. Auch Resilienz und Frustrationstoleranz müssen geübt werden. Das eine kann man, das andere nicht, so wird es bei jedem sein. Und ich sage, später wird derjenige erfolgreich sein, der trotz Schwächen weitermacht, der gelernt hat, Hürden zu überwinden, nicht der, dem man den Weg ebenmacht.
Ich habe allen Eltern immer aufgezeigt auf den Elternabenden, welche Promis schon sitzengeblieben sind: Albert Einstein, Winston Churchill, Otto Waalkes, Johannes B. Kerner, Sido, Peer Steinbrück und Edmund Stoiber, Mehmet Scholl, Jürgen Fliege, man kann sie gar nicht alle aufzählen. Schlechte Noten sind nicht das Ende. Mein Germanistikprofessor an der Hochschule war Legastheniker. Und wenn wir genau hinschauen, werden wir viele Promis finden, die heute Diagnosen hätten. Mancher war genau deshalb erfolgreich.
Mir selbst wäre nach heutigen Maßstäben mit Dyspraxie die Dauerfünf in Sport erspart geblieben, aber hätte das was geändert? Was mir schon immer klar war, es gibt Lehrer, die liegen in ihrer Einschätzung voll daneben, und welche die mag man. Das hing aber im Wesentlichen nicht von der Note ab. Am besten man schüttelt das, was man nicht mag, ab wie der Hund das Wasser im Fell. Irgendwann sind Noten so oder so irrelevant, und Leute die einen nicht mögen auch.
Natürlich sind manchmal lineare Bildungschancen verwehrt mit schlechten Noten. Dennoch muss man mit bedenken, dass Kinder sich individuell entwickeln. Mancher nimmt Umwege, mancher braucht länger.
Ich traf heute einen ehemaligen Schüler aus meiner alten Hauptschulklasse, an der ich 6 Jahre unterrichtet hatte, der war in Klasse 5 ein schlechter Schüler und hat heute Vermessungstechnik studiert. Damals, als er 10 Jahre alt war, hätte ich das nie erwartet. Von mir sagte man mal, ich sei lernbehindert, und ich kam mit Sonderbegabtenprüfung an die Hochschule.
Es führen jedoch viele Wege nach Rom. Man kann nach der Mittelschule eine Lehre machen, dann Fachabi. Muss jeder Mensch studieren? Wenn ich ein Kind habe, dessen Leistungsfähigkeit aus welchen Gründen auch immer eingeschränkt ist, wie kann ich dann erwarten, dass alle Bildungschancen genauso linear wie für alle anderen offenstehen? Welchen Druck baue ich dann auf? Ist man nur mit Matura oder Abitur etwas wert?
Man hat ein Recht auf Förderung, aber kein Recht auf bestimmte Noten. Ja es lässt sich vieles noch verbessern und verändern. Aber manchmal ist es einfach auch sinnvoll, kleine Schritte zu machen. Grundsatzdiskussionen mit Lehrkräften, was wäre fair, bringen nichts. Es existiert keine Fairness, weil kein Kind mit dem anderen vergleichbar ist. Ich war vor vielen Jahren im Sport für Behinderte aktiv und so ein Hauen und Stechen, warum der eine dies darf und „stimmt der Grade bei dem“ hatte ich ansonsten noch nirgendwo erlebt, am Ende waren alle unglücklich und ich habe mich gefragt, worum geht es überhaupt? Es geht darum, dass jeder ein selbstbestimmtes Leben führen kann ohne Vergleiche, mit viel Akzeptanz sich selbst und anderen gegenüber, und das tun kann was ihm Spaß macht und sich darin weiterentwickelt. Ich muss Bereiche finden, wo ich auf mich stolz sein kann und Freude empfinde über eine Verbesserung. In der Schule legen wir unser Augenmerk zu sehr auf Fehler. Wir zählen Fehler, nicht das was wir können.
Welch tolle Leistung, wenn ein Kind mit Dyspraxie einen 200 m Lauf schafft, das zuvor nach 50 m aufgab. Dass ein anderes dieselbe Strecke in einem Viertel der Zeit schafft, tut der Leistung keinen Abbruch, doch wie soll ich das bewerten, wenn das System nach gleichen Bewertungskriterien verlangt? Unsere Bewertungskriterien fassen das nicht. Habe ich noch Freude, wenn meine Welt wegen einer schlechten Note zusammenbricht? Ich glaube nicht.
Wenn jeder das Mosaik der eigenen und der anderen Fähigkeiten schätzen würde, bräuchten wir darüber nicht diskutieren, niemand hat ALLE Bildungschancen, niemand hat alle Wege offen. Das ist eine Illusion, und wäre auch nicht nötig. Die Frage ist doch, wie unterstützt du dein Kind, Wege dafür zu finden, was es selbst erreichen möchte, egal wie lang es dauert. Und da ist die Grundschule nicht das Ende der Fahnenstange und die Mittelschule auch nicht, das ist ein lebenslanger Weg.
Später interessiert sich keiner mehr für die Schulnote. Ja, ich weiß, man sollte die vielen Traumatisierungen durch die Schule nicht herunterspielen- wir haben sie alle;). Ich möchte allen einfach ans Herz legen die Nerven zu bewahren. Je mehr ihr euch als Eltern über die Schule aufregt, desto mehr vermittelt ihr euren Kindern wie fehlerhaft sie sind, und bringt sie in ein Dilemma, das nicht weiterhilft. Man kann nur von jemand lernen zu dem man eine gute Beziehung hat – und Respekt. Zentral sollte sein, was bringt uns in unserer Entwicklung weiter. Stärken haben wir alle, und die schulischen sind nur ein kleiner Teil. Viel mehr zählen später auch soziale Kompetenzen, und die zeige ich als Eltern nicht, wenn ich dem Kind vermittle, dass man mit der bösen Welt im Krieg stehen muss. Auch das Miteinander mit anderen Eltern ist ein Weg den man beschreiten muss, Verständnis füreinander muss von allen Seiten erarbeitet werden. Da sind wir noch lange nicht.
Zur Notengebung aus meiner Sicht:
Meine grundsätzliche Haltung zu Schulnoten, LRS und dem ständigen Notendruck habe ich hier zusammengefasst:
LRS & Schulnoten: Raus aus dem Notenstress ohne Notenkrieg
Zum Thema Nachteilsausgleich in Österreich:
Wer konkret nachlesen möchte, wie Nachteilsausgleich und Notenschutz in Österreich geregelt sind (und wo die Grenzen liegen), findet hier eine fachliche Einordnung:
Nachteilsausgleich und Notenschutz in Österreich
Wer übernimmt die Kosten für die Lerntherapie?
Es ist zum Haare raufen – 4 Mythen rund um Lernstörungen
Endlich Hausaufgaben ohne Frust - Meine 9 besten Hausaufgaben-Tipps